Komponentenbibliotheken entscheiden über Tastaturbedienung, Fokusführung und Ansagen für viele Produkte gleichzeitig. Ein Mangel in einer Komponente erscheint in jedem Produkt, das sie einsetzt; eine Korrektur ebenso. Der Beitrag beschreibt, welche Prüfungen in die Komponentenpflege gehören und wie dokumentiert wird, was eine Komponente zusichert und was das einsetzende Team ergänzen muss.
Ausgangslage
Ein Design System bündelt Komponenten, Muster und Regeln für mehrere Produkte. In den Häusern, mit denen wir arbeiten, ist es der Ort mit der größten Hebelwirkung für Zugänglichkeit: Ein Dialog, ein Auswahlfeld oder eine Tabelle wird einmal gebaut und hundertfach eingesetzt. Zugleich ist es der Ort, an dem Zugänglichkeit am häufigsten als erledigt gilt, weil die Komponente „nach Standard" gebaut wurde und die Werkzeugprüfung sie durchgelassen hat. Was die Komponente im Zusammenspiel mit anderen leistet, ob sie im Formularkontext beschriftet ist, ob der Fokus nach dem Schließen an die richtige Stelle zurückkehrt, entscheidet das Team, das sie einsetzt. Diese Grenze zwischen Zusicherung der Komponente und Verantwortung des Teams ist selten dokumentiert.
Komponenten nach Grundsätzen der Dialoggestaltung prüfen
Die Grundsätze der Dialoggestaltung nach ISO 9241-110 gelten für jede Komponente, unabhängig vom Betriebsmittel: Aufgabenangemessenheit, Selbstbeschreibungsfähigkeit, Erwartungskonformität, Erlernbarkeit, Steuerbarkeit, Fehlertoleranz und Benutzerbindung. Für die Komponentenpflege übersetzen wir sie in Prüfungen, die je Komponente vor jeder Freigabe laufen.
Tastaturbedienung. Jede Funktion der Komponente ist mit Tastatur erreichbar und auslösbar, mit den Tasten, die Nutzende von diesem Komponententyp erwarten. Geprüft im Selbsttest ohne Maus.
Fokusführung. Der Fokus ist sichtbar, folgt einer sinnvollen Reihenfolge, bleibt in modalen Dialogen und kehrt nach dem Schließen an die auslösende Stelle zurück. Geprüft im Selbsttest mit Tastatur.
Ansagen. Rolle, Name und Zustand der Komponente werden von der Sprachausgabe angesagt; Zustandsänderungen wie „geöffnet", „ausgewählt" oder „ungültig" werden gemeldet. Geprüft im Selbsttest mit Screenreader und in der Werkzeugprüfung.
Vergrößerung. Die Komponente bleibt bei Browservergrößerung bedienbar, ohne dass Inhalte abgeschnitten werden oder horizontal gescrollt werden muss. Geprüft im Selbsttest mit Vergrößerung.
Sprachsteuerung. Sichtbarer Text und zugänglicher Name stimmen überein, damit ein Sprachbefehl das Element trifft. Geprüft im Selbsttest mit Sprachsteuerung.
Diese Prüfungen führt das Design-System-Team selbst durch, mit einer Anleitung je Komponententyp. Wir bauen die Anleitung in der ersten Runde gemeinsam und ziehen uns dann zurück. Ihr Team kann es danach selbst.
Zusicherung und Verantwortung dokumentieren
Für jede Komponente dokumentieren wir zwei Listen. Die erste heißt „Diese Komponente sichert zu" und nennt, was die Prüfungen bestätigt haben: Tastaturweg, Fokusverhalten, Rollen und Zustände, Verhalten bei Vergrößerung. Die zweite heißt „Das einsetzende Team ergänzt" und nennt, was die Komponente nicht wissen kann: die Beschriftung im Kontext, den Fehlertext, die Reihenfolge im Formular, die Überschrift, auf die sich ein Dialog bezieht, die Entscheidung, ob eine Tabelle Zeilen- oder Spaltenüberschriften braucht.
Beide Listen stehen in der Komponentendokumentation neben den Beispielen. Sie verhindern zwei Fehler, die wir häufig sehen: Das Team verlässt sich auf die Komponente und lässt die Beschriftung leer, oder das Team baut die Komponente nach, weil es der Zusicherung nicht traut.
Muster mit Nutzenden prüfen
Der Selbsttest deckt die einzelne Komponente ab. Ob ein Muster aus mehreren Komponenten die Aufgabe erfüllt, etwa eine mehrstufige Formularstrecke oder eine Tabelle mit Filter und Sortierung, zeigt erst der Test mit Menschen, die Screenreader, Vergrößerung und Sprachsteuerung benutzen. Wir prüfen deshalb die Muster des Design Systems mit Nutzenden assistiver Technologien, mit Aufgaben aus den Szenarien der Produkte. Die Befunde gehen als Änderungen in die Komponenten oder als Ergänzungen in die Liste „Das einsetzende Team ergänzt". Die Verbindung zur Definition of Done der Produktteams beschreibt `pruefpunkte-definition-of-done`.
Zugänglichkeit in den Freigabeprozess des Design Systems aufnehmen
Eine Komponente wird freigegeben, wenn die Prüfungen dokumentiert sind und beide Listen vorliegen. Eine geänderte Komponente durchläuft die Prüfungen erneut, weil eine Änderung am Markup den Tastaturweg oder die Ansage verändern kann, ohne dass es im Design auffällt. Der Anteil geprüfter Komponenten am Bestand ist eine der Kennzahlen, mit denen sich der Fortschritt beschreiben lässt, siehe `kennzahlen-fuer-zugaenglichkeit`.
Grenzen
Ein Design System sichert Komponenten zu, keine Aufgaben. Ob eine Kundin ihren Vertrag mit Sprachausgabe abschließen kann, entscheidet sich im Produkt, in der Anforderung und in der Zusammensetzung der Komponenten. Das Design System verkürzt den Weg dorthin und ersetzt ihn nicht. Es gilt zudem nur für Produkte, die es einsetzen; Korrespondenz aus dem Output-Management folgt eigenen Vorlagen, siehe `freigabekriterium-fuer-vorlagen`.
Was danach vorliegt
Nach der Arbeit am Design System liegen vor: Prüfungen je Komponententyp mit Anleitung für den Selbsttest, je Komponente die Listen „sichert zu" und „ergänzt das Team", ein Freigabeprozess mit erneuter Prüfung bei Änderung, Befunde aus dem Test der Muster mit Nutzenden assistiver Technologien und eine Kennzahl für den Anteil geprüfter Komponenten.
