Ob eine Nutzungsanforderung im Test prüfbar ist, entscheidet sich beim Schreiben. Der Satzbau legt fest, wer etwas erreichen muss, unter welchen Bedingungen und woran die Erfüllung erkennbar ist. Der Beitrag stellt das Muster vor und zeigt an Gegenbeispielen, wo eine Formulierung die Lösung vorwegnimmt.
Voraussetzungen
Eine Kontextbeschreibung mit benannten Nutzergruppen und Aufgaben. Beobachtungen oder Interviewaussagen mit Kennung, auf die sich die Anforderung beziehen kann. Und ein Werkzeug, in dem Anforderungen ein Quellenfeld haben. Die Begriffe stammen aus ISO 9241-210: Nutzungsanforderung, Nutzungskontext, Nutzergruppe, Aufgabe.
Das Muster
Eine Nutzungsanforderung hat vier Bausteine: die Nutzergruppe (wer), das Nutzungsziel (was erreicht werden muss), die Bedingung aus dem Nutzungskontext (wann, wo, womit) und den Maßstab (woran die Erfüllung erkennbar ist). In einem Satz: „Die [Nutzergruppe] muss [Ziel] können, [Bedingung], [Maßstab]."
Ein Beispiel: „Die Servicetechnikerin muss die Auftragsnummer eines offenen Auftrags an das Büro übermitteln können, während sie an der Maschine steht und Handschuhe anhat, ohne die Nummer abzuschreiben."
Schritte
Die Nutzergruppe einsetzen. Statt „der Nutzende" oder „der Anwender" steht die Gruppe aus der Kontextbeschreibung. Warum: Für verschiedene Gruppen gilt dieselbe Anforderung mit verschiedenen Maßstäben; der Test rekrutiert nach dieser Angabe. Ergebnis: eine Anforderung, die einer Gruppe zugeordnet ist.
Das Ziel als Ergebnis formulieren. Das Ziel beschreibt, was nach der Aufgabe erreicht ist. Warum: Ein Ziel lässt Lösungen offen, eine Funktion legt sie fest, und die Prüfung fragt dann nur noch, ob die Funktion existiert. Ergebnis: ein Verb, das eine Wirkung im Nutzungskontext beschreibt (übermitteln, erkennen, abschließen, vergleichen), an Stelle eines Verbs, das eine Bedienung beschreibt (klicken, auswählen, öffnen, scrollen).
Die Bedingung aus dem Kontext anfügen. Ort, Arbeitsmittel, Haltung, Zeitdruck, anwesende Personen: das, was die Aufgabe im Feld bestimmt. Warum: Ohne Bedingung gilt die Anforderung am Schreibtisch, und der Test findet am Schreibtisch statt. Ergebnis: ein Nebensatz, der auf die Kontextbeschreibung verweist.
Den Maßstab benennen. Woran wird erkannt, dass das Ziel erreicht ist: ohne Umgehung, ohne Rückfrage, im ersten Versuch, innerhalb einer Frist, die aus dem Kontext stammt. Warum: Der Maßstab macht die Anforderung im Usability-Test prüfbar und legt fest, welche Messgröße nach ISO 9241-11 gilt. Ergebnis: ein Kriterium, das ein Testprotokoll aufnehmen kann.
Die Quelle eintragen. Kennung der Beobachtung oder Aussage, aus der die Anforderung stammt. Warum: Im Review lässt sich damit prüfen, ob das Ziel aus dem Feld kommt oder aus dem Meeting. Ergebnis: ein gefülltes Quellenfeld.
Gegenbeispiele
„Das System muss einen Button zum Versenden der Auftragsnummer haben." Die Lösung steht schon im Satz. Nutzergruppe, Bedingung und Maßstab fehlen. Umgeschrieben: siehe das Beispiel oben.
„Der Nutzende muss die Auftragsnummer schnell und einfach finden." Schnell und einfach sind keine Maßstäbe. Sie werden im Test von jeder Person anders verstanden. Umgeschrieben: „Die Servicetechnikerin muss die Nummer eines offenen Auftrags an der Maschine ohne Rückfrage im Büro finden können."
„Anwender sollen sich im Portal wohlfühlen." Es fehlt eine Aufgabe. Zufriedenstellung ist nach ISO 9241-11 eine Messgröße, aber sie bezieht sich auf eine Aufgabe in einem Kontext. Umgeschrieben: eine Anforderung je Aufgabe, mit Zufriedenstellung als Maßstab und einem Verfahren, wie sie erhoben wird.
„Die Beraterin muss den Status sehen." Es fehlen Bedingung und Maßstab, und „sehen" ist eine Bedienung. Umgeschrieben: „Die Beraterin muss bei Eingang eines Antrags erkennen können, welche Angaben fehlen, bevor sie den Kunden zurückruft."
Typische Fehler
Das Verb beschreibt die Bedienung und nicht das Ergebnis. Die Bedingung wird weggelassen, weil sie als selbstverständlich gilt. Der Maßstab wird ins Akzeptanzkriterium der Story verschoben und dort vergessen. Mehrere Ziele stehen in einem Satz, und die Prüfung kann nur beide oder keines bestätigen. Und die Anforderung wird umgeschrieben, ohne die Quelle zu prüfen, sodass die neue Formulierung vom Feld weiter entfernt ist als die alte.
Ergebnis
Anforderungen nach diesem Muster lassen sich in einen Testplan übernehmen, ohne neu formuliert zu werden. Jede nennt eine Gruppe, die rekrutiert werden kann, eine Aufgabe, die gestellt werden kann, Bedingungen, die nachgestellt werden können, und ein Kriterium, das protokolliert werden kann. Leserinnen und Leser können ihre eigenen Anforderungen anhand der vier Bausteine umschreiben und stellen dabei fest, welche Bausteine im Bestand am häufigsten fehlen.
