Der Stand der Zugänglichkeit einer Organisation lässt sich als Reifegrad beschreiben, entlang der vier Dimensionen, mit denen wir auch die Reife von Human-Centered Research & Design bewerten: Prozesse, Strukturen, Kompetenzen und Kultur. Der Beitrag beschreibt je Dimension Merkmale, an denen sich der Stand ablesen lässt, und wie daraus eine Standortbestimmung mit Prioritäten entsteht.
Ausgangslage
Wenn wir gefragt werden, wie es um die Zugänglichkeit eines Hauses steht, bekommen wir meist eine Antwort über Produkte: Die Website ist geprüft, die App hat offene Befunde, die Korrespondenz ist nicht erfasst. Diese Antwort beschreibt Ergebnisse. Sie beschreibt nicht, ob die Organisation in der Lage ist, den nächsten Release, die nächste Vorlage und das nächste Produkt zugänglich zu machen, ohne dass es jemand von außen prüft. Diese Fähigkeit ist der Reifegrad, und sie liegt in Prozessen, Strukturen, Kompetenzen und Kultur gleichzeitig. Eine Organisation, die nur in einer Dimension investiert, etwa in Schulungen ohne Prozessverankerung, verschiebt das Problem in die nächste.
Prozesse
Die Frage lautet: Ist Zugänglichkeit im Entwicklungs- und Freigabeprozess verankert, mit Methoden, Prüfschritten und Artefakten? Merkmale, an denen sich der Stand ablesen lässt: Assistive Technologien stehen in der Beschreibung des Nutzungskontexts. Nutzungsanforderungen nennen Nutzergruppe, Aufgabe, Ergebnis und Prüfverfahren. Die Definition of Done enthält Prüfpunkte. Die Freigabe von Releases und Vorlagen hat ein Kriterium mit Nachprüfung. Der Test mit Nutzenden assistiver Technologien hat einen Auslöser und einen Rhythmus. Am unteren Ende steht eine Werkzeugprüfung vor dem Release; am oberen Ende ein Prozess, in dem Befunde als Anforderungen in die nächste Iteration zurückfließen, wie es ISO 9241-210 für die iterative Gestaltung beschreibt.
Strukturen
Die Frage lautet: Gibt es Rollen, Verantwortlichkeiten und Eskalationswege? Merkmale: Eine benannte Person nimmt das Freigabekriterium ab. Das Design-System-Team hat die Zuständigkeit für Zusicherungen je Komponente. Das Output-Management hat eine Rolle für den Selbsttest an Vorlagen. Es ist geregelt, wer eine Ausnahme mit Frist erteilt und wer die Nachprüfung anfordert. Beschwerden über den Feedback-Mechanismus der Barrierefreiheitserklärung haben einen Weg in das Produktteam. Am unteren Ende ist Zugänglichkeit die Aufgabe einer einzelnen Person, die sie neben anderen Themen bearbeitet; am oberen Ende ist sie in den Rollen verteilt, die ohnehin entscheiden.
Kompetenzen
Die Frage lautet: Sind die nötigen Fähigkeiten im Haus vorhanden und entwickelbar? Merkmale: Entwicklerinnen und Entwickler führen die Selbsttests mit Tastatur und Screenreader durch. Requirements Engineering formuliert prüfbare Anforderungen. Das Design-System-Team dokumentiert Zusicherungen. Vorlagenteams prüfen erzeugte Dokumente mit Sprachausgabe. Jemand im Haus kann einen Test mit Nutzenden assistiver Technologien planen, beobachten und auswerten, auch wenn die Rekrutierung extern bleibt. Am unteren Ende hängt jede Prüfung an einem externen Dienstleister; am oberen Ende kauft die Organisation Rekrutierung und Zweitmeinung ein und führt den Rest selbst durch.
Kultur
Die Frage lautet: Wird Zugänglichkeit als Eigenschaft des Produkts verstanden, auf Leitungsebene, im mittleren Management und in den Teams? Merkmale: Ein blockierender Befund verschiebt einen Termin, und diese Entscheidung wird nicht jedes Mal neu verhandelt. Teams schauen bei Sitzungen mit Nutzenden assistiver Technologien zu. Befunde werden als Information über das Produkt behandelt, nicht als Vorwurf an das Team. Die Leitung fragt nach Kennzahlen zur Zugänglichkeit im selben Bericht wie nach anderen Qualitätskennzahlen. Am unteren Ende ist Zugänglichkeit ein Compliance-Thema, das mit dem Prüfbericht erledigt ist; am oberen Ende ist sie Teil dessen, was das Haus unter einem funktionierenden Produkt versteht.
Von den Merkmalen zur Standortbestimmung
Wir erheben die Merkmale in Interviews mit den beteiligten Rollen und durch Sichtung der Artefakte: Kontextbeschreibungen, Anforderungslisten, Definition of Done, Freigabeprotokolle, Komponentendokumentation, Prüfberichte. Je Dimension entsteht ein Bild mit den vorhandenen und fehlenden Merkmalen. Das Ergebnis ist eine Standortbestimmung ohne Note: Sie zeigt, in welcher Dimension die Organisation weiter ist und in welcher sie die nächste Investition am wirksamsten setzt. Wer Prozesse und Strukturen hat, aber keine Kompetenzen, investiert in Befähigung. Wer Kompetenzen hat, aber keine Strukturen, benennt Rollen.
Grenzen
Das Reifegradbild beschreibt die Fähigkeit der Organisation, nicht den Zustand einzelner Produkte. Ein hoher Reifegrad garantiert kein befundfreies Release; er macht wahrscheinlich, dass Befunde gefunden und behoben werden, bevor sie Kundinnen und Kunden erreichen. Das Bild ersetzt keine Prüfung mit Nutzenden und keine Rechtsauskunft. Ob und wie das BFSG für Ihr Angebot gilt, klärt die Rechtsabteilung. Und es ist eine Momentaufnahme, die mit wiederholbaren Messungen fortgeschrieben wird, siehe `kennzahlen-fuer-zugaenglichkeit`.
Was danach vorliegt
Nach der Standortbestimmung liegen vor: ein Reifegradbild in vier Dimensionen mit vorhandenen und fehlenden Merkmalen, eine Priorisierung der nächsten Schritte je Dimension, eine Liste der Artefakte, die fehlen oder zu ergänzen sind, und ein Vorschlag für die Kennzahlen, mit denen das Haus den Fortschritt selbst fortschreibt. Ihr Team kann es danach selbst.
