Eine Pflichtschulung vermittelt allen Mitarbeitenden dasselbe: was ein Sprachmodell ist, was es kann und welche Regeln im Haus gelten. In der Arbeit danach unterscheidet sich, was eine Sachbearbeiterin, ein Fachexperte, eine Führungskraft und ein Entwickler mit generierten Ausgaben tun und welche Fehler dort Folgen haben. Wir leiten Kompetenz deshalb je Rolle aus dem Nutzungskontext ab. Der Beitrag zeigt, wie das geht und was ein Programm dadurch über die Pflichtschulung hinaus leistet. Er richtet sich an Personalentwicklung und KI-Beauftragte, die ein solches Programm planen.
Ausgangslage
Nach dem Rollout ist in vielen Organisationen dasselbe Werkzeug für alle freigegeben, mit derselben Schulung für alle. Die Teilnahme ist dokumentiert. Wenn wir danach an Arbeitsplätzen zusehen, sehen wir vier verschiedene Arbeitsweisen mit demselben Werkzeug. In der Sachbearbeitung wird eine Ausgabe in einen Bescheid übernommen. In der Fachabteilung wird eine Zusammenfassung von Regelwerken als Grundlage für eine Bewertung genutzt. In der Führung wird eine Auswertung gelesen, bevor eine Entscheidung fällt. Im Engineering wird ein Codevorschlag in den Branch übernommen. Vier Aufgaben und vier Stellen, an denen ein unentdeckter Fehler etwas anderes auslöst.
Eine Schulung, die für alle gilt, kann diese Unterschiede nicht abbilden. Sie vermittelt Grundlagen und Regeln. Was eine Rolle in ihrer Aufgabe können muss, steht nicht in der Schulung, weil die Aufgabe in der Schulung nicht vorkommt. Ob und wie Artikel 4 AI Act für Ihre Organisation gilt, klärt Ihre Rechtsabteilung. Das Vorgehen hier liefert die fachliche Grundlage dafür, was die Rollen mit den Werkzeugen tun und was sie dafür können müssen.
Die Kompetenz folgt aus dem Nutzungskontext
ISO 9241-210 beschreibt den Nutzungskontext mit Nutzenden, Aufgaben, Arbeitsmitteln und Umgebung. Wir erheben ihn je Rolle am Arbeitsplatz, mit Beobachtung und Nachfragen, und ergänzen eine fünfte Angabe: den Übergabepunkt. Das ist die Stelle im Ablauf, an der eine generierte Ausgabe in den nächsten Schritt geht und ab der sie Wirkung hat. Vor dem Übergabepunkt lässt sich eine Ausgabe korrigieren oder verwerfen, danach lässt sie sich nur noch melden.
Aus diesen fünf Angaben leiten wir das Kompetenzprofil ab. Die Aufgabe sagt, welche Art von Ausgabe entsteht: Text, Zusammenfassung, Bewertung, Code. Das Arbeitsmittel sagt, welche Werkzeuge und welche Eingaben zur Verfügung stehen. Die Umgebung sagt, unter welchem Zeitdruck und mit welchen Vorgaben gearbeitet wird. Der Übergabepunkt sagt, was die Person prüfen muss, bevor die Ausgabe weitergeht, und welche Folgen ein unentdeckter Fehler hat. Kompetenz ist dann die Fähigkeit, an diesem Übergabepunkt richtig zu entscheiden.
Vier Rollen, vier Profile
Sachbearbeitung. Die Aufgabe ist der Vorgang: Antrag, Bescheid, Antwort an eine Kundin. Die Ausgabe ist ein Text, der in ein Dokument mit Außenwirkung übernommen wird. Zu lernen ist, welche Angaben in der Ausgabe gegen die Akte geprüft werden müssen, welche Formulierungen im Haus nicht zulässig sind und wann eine Ausgabe verworfen und der Vorgang ohne Werkzeug bearbeitet wird. Geprüft wird an einem Vorgang: Findet die Person die eingebaute Abweichung zwischen Ausgabe und Akte?
Fachexpertise. Die Aufgabe ist die Bewertung: Ein Regelwerk, eine Norm, ein Vertrag wird gelesen und beurteilt. Die Ausgabe ist eine Zusammenfassung oder ein Vorschlag, der die eigene Prüfung verkürzen soll. Zu lernen ist, wo eine Zusammenfassung Verkürzungen enthält, die für die Bewertung entscheidend sind, und wie die Person die Stelle in der Quelle wiederfindet. Geprüft wird an einem Fachtext mit einer Passage, auf die es für die Bewertung ankommt: Erkennt die Person, dass die Zusammenfassung sie auslässt?
Führung. Die Aufgabe ist die Entscheidung auf Grundlage von Auswertungen, die andere mit Werkzeugen erstellt haben. Die Ausgabe ist ein Bericht, eine Tabelle, ein Vorschlag. Zu lernen ist, welche Fragen an die Herkunft einer Auswertung zu stellen sind, bevor sie eine Entscheidung stützt, und welche Entscheidungen im Haus eine geprüfte Grundlage brauchen. Geprüft wird an einer Vorlage mit unklarer Herkunft: Fragt die Person nach, oder entscheidet sie?
Engineering. Die Aufgabe ist der Code, der in ein Produkt geht. Die Ausgabe ist ein Vorschlag im Editor oder eine Änderung, die ein Agent vorbereitet hat. Zu lernen ist, welche Vorschläge ungeprüft übernommen werden dürfen und welche durch ein Review müssen, wie ein Review-Gate für generierte Änderungen aussieht und woran ein generierter Test erkennbar ist, der nichts prüft. Geprüft wird an einem Pull Request mit generiertem Anteil: Findet das Review die Stelle, die ohne Test durchgegangen wäre?
Die vier Rollen sind die, die wir in Organisationen mit Rollout regelmäßig antreffen. In Ihrer Organisation können es andere sein, etwa Kundenservice oder Einkauf. Das Vorgehen bleibt gleich: Nutzungskontext erheben, Übergabepunkt bestimmen, Profil ableiten.
Das Prüfkriterium gehört zum Lernziel
Jedes Profil endet mit einer Prüfaufgabe an einem Fall aus der eigenen Arbeit. Das ist der Unterschied zu einem Wissenstest am Ende der Schulung. Ein Wissenstest fragt, ob die Person die Regel kennt. Die Prüfaufgabe fragt, ob sie die Regel am Übergabepunkt anwendet. Wir formulieren die Prüfaufgabe, bevor das Programm beginnt, und nutzen sie zweimal: vor der Maßnahme als Ausgangswert und danach als Vergleich. Effektivität und Effizienz nach ISO 9241-11 sind dabei die Messgrößen: Wird der Fehler gefunden, und wie viel Aufwand kostet die Prüfung?
Ein Lernziel ohne Prüfaufgabe streichen wir oder formulieren es um. „Verantwortungsvoller Umgang mit KI" lässt sich nicht prüfen. „Erkennt in einem Bescheidentwurf die Angabe, die nicht aus der Akte stammt" lässt sich prüfen.
Vom Profil zum Programm
Das Programm je Rolle arbeitet an Aufgaben aus dem laufenden Vorhaben der Rolle, mit den Werkzeugen, die dort freigegeben sind. Führung und Fachrollen erhalten unterschiedliche Methodentiefe: Führung braucht die Fragen an die Herkunft, Fachrollen brauchen die Prüfroutine im Detail. Die Personalentwicklung erhält je Rolle Profil, Lernziele und Prüfaufgabe als Grundlage für Format und Umfang; beides legen wir mit Ihnen fest. Die Prüfaufgabe liefert am Ende den Schulungsnachweis mit Bezug zur Arbeitspraxis.
Grenzen
Das Verfahren setzt voraus, dass wir am Arbeitsplatz zusehen dürfen. Ohne Beobachtung wird der Nutzungskontext im Meetingraum beschrieben, und das Profil enthält Annahmen. Es setzt außerdem voraus, dass die Werkzeuge im Haus bekannt sind; in vielen Organisationen sind neben den freigegebenen weitere in Gebrauch, und die Profile müssen sie einschließen. Und das Verfahren sagt nichts über Rechtspflichten. Welche Kompetenz eine Vorschrift verlangt, klärt die Rechtsabteilung. Das Profil sagt, welche Kompetenz die Aufgabe verlangt.
Was danach vorliegt
Je Rolle eine Beschreibung des Nutzungskontexts mit Übergabepunkt, ein Kompetenzprofil mit Lernzielen, die sich prüfen lassen, und eine Prüfaufgabe, die vor und nach dem Programm dieselbe ist. Die Personalentwicklung hat damit die Grundlage für ein Programm je Rolle und für einen Nachweis, der die Arbeitspraxis abbildet. Wie die Messung vor und nach der Maßnahme abläuft, beschreibt der Beitrag `messung-vor-und-nach-der-massnahme`.
