Ein Terminal, das im Labor jede Aufgabe besteht, kann in der Kabine an der Sonne auf dem Display oder an den Handschuhen scheitern. Nach ISO 9241-11 ist die Umgebung Bestandteil des Nutzungskontexts, und was dort die Bedienung behindert, gehört in die Nutzungsanforderungen. Der Beitrag beschreibt, welche Umgebungsbedingungen im Feld erfasst werden, wie sie protokolliert werden und wie sie in die Spezifikation eingehen.
Ausgangslage: Das Labor hält die Umgebung konstant
Ein Fahrer steht am Feldrand, die Maschine läuft, und er soll am Terminal einen Auftrag bestätigen. Er tippt mit dem Handschuh, das Display reagiert nicht. Er zieht den Handschuh aus, die Sonne steht auf dem Glas, er beugt sich vor und bestätigt im zweiten Versuch. Im Labor hatte dasselbe Terminal jede Aufgabe bestanden. Beide Ergebnisse sind richtig. Sie gelten für verschiedene Nutzungskontexte.
Ein Usability-Test im Labor prüft die Bedienfolge unter kontrollierten Bedingungen: ruhiger Raum, gleichmäßiges Licht, freie Hände, keine Parallelaufgabe. Für viele Fragen ist das die richtige Anordnung, weil sich Befunde so auf die Oberfläche zurückführen lassen. Für Produkte, die in der Kabine, auf der Baustelle, im Lager oder im Heizungskeller bedient werden, fehlt dem Labor ein Teil des Nutzungskontexts. In unseren Feldbeobachtungen in der Agrartechnik und in Enterprise-Projekten sehen wir das Muster regelmäßig: Die Funktion ist vorhanden und im Labor geprüft, die Bedingung vor Ort war nie Teil des Tests.
ISO 9241-11 fasst unter Nutzungskontext die Nutzenden, ihre Ziele und Aufgaben, die Ressourcen und die Umgebung. Die Umgebung umfasst dabei die technische, physische, soziale, kulturelle und organisatorische Seite. Wer die physische und die organisatorische Umgebung im Test weglässt, misst Effektivität und Effizienz unter Bedingungen, die im Betrieb nicht vorkommen.
Umgebungsbedingungen vor der Studie benennen
Bevor die Beobachtung beginnt, listet das Team die Bedingungen, die im Betrieb der Zielgruppe vorkommen können. Vier Gruppen haben sich als Ordnung bewährt:
Physische Umgebung: Licht und Reflexion, Vibration, Temperatur, Nässe, Staub, Lärm.
Ausrüstung am Körper: Arbeitshandschuhe, Gehörschutz, Schutzbrille, Kleidung mit eingeschränkter Beweglichkeit.
Organisatorische Bedingungen: Zeitdruck, Unterbrechungen, Parallelaufgaben wie das Führen einer Maschine, Schichtwechsel.
Technische Bedingungen: Verbindungsqualität, Stromversorgung, Bildschirmgröße und Montageort des Geräts.
Die Liste ist eine Vermutung, und wir nennen sie im Projekt so. Sie sagt, wonach die Beobachterinnen und Beobachter zuerst schauen. Was sie im Feld vorfinden, ergänzt oder korrigiert die Liste. In einem unserer Projekte stand Vibration oben auf der Liste; im Feld war die häufigste Bedingung der Kollege, der neben der Maschine stand und eine Antwort wollte.
Im Feld beobachten: Bedingung und Abweichung zusammen notieren
Die Beobachtung findet dort statt, wo das Produkt benutzt wird, in der Situation, in der es benutzt wird. Das Protokoll hält je Beobachtung vier Dinge fest: die Situation, die Handlung, die Umgebung in diesem Moment und die Abweichung vom erwarteten Ablauf. Der Punkt ist die Gleichzeitigkeit. Eine Umgebungsbedingung wird in dem Moment notiert, in dem eine Handlung scheitert oder einen Umweg nimmt, mit Zeitmarke. Mein erster Ansatz war eine Lichtnotiz je Sitzung. Das hat in der Auswertung nicht gereicht, weil niemand mehr sagen konnte, welche Abweichung unter welcher Bedingung stattgefunden hatte.
Lichtverhältnisse dokumentiert ein Foto des Displays aus der Blickrichtung der bedienenden Person, sofern die Einwilligung vorliegt. Vibration wird als Situationsbeschreibung festgehalten (Standbetrieb, Fahrt auf der Straße, Fahrt auf dem Feldweg). Handschuhe und Schutzausrüstung werden mit Typ notiert, weil ein dünner Montagehandschuh und ein gefütterter Winterhandschuh unterschiedliche Anforderungen an Bedienelemente stellen. Das Protokollraster mit Regeln für Foto, Video und Einwilligung steht in der Checkliste zur Feldbeobachtung.
Von der Beobachtung zur Umgebungsbedingung
Danach sortieren wir die Protokolle nach Bedingungen. Für jede Bedingung entsteht ein Eintrag mit den Handlungen, die unter ihr abwichen, und den Fundstellen (Protokollnummer, Zeitmarke, Foto oder Videoausschnitt). Dabei unterscheiden wir, ob eine Bedingung dauerhaft gilt (Handschuhe im Winterbetrieb) oder situativ auftritt (tief stehende Sonne am Nachmittag). Beides ist relevant, aber es führt zu verschiedenen Anforderungen: Eine dauerhafte Bedingung verlangt, dass die Bedienung unter ihr funktioniert; eine situative Bedingung verlangt, dass die Bedienung unter ihr funktioniert oder dass Nutzende sie ohne Schaden aufschieben können.
Die Auswertung sagt, welche Bedingungen im Studienfenster beobachtet wurden und welche Handlungen unter ihnen abwichen. Sie sagt nicht, wie oft das im Jahresverlauf vorkommt. Häufigkeitsaussagen brauchen eine andere Erhebung.
Bedingungen als Nutzungsanforderungen formulieren
Eine Umgebungsbedingung wird zur Nutzungsanforderung, wenn sie mit Handlung und Ziel verbunden ist. Ein Muster, das sich in Spezifikationen gut lesen lässt: Nutzende müssen [Handlung] unter [Bedingung] ausführen können, damit [Ziel]. Beispiel: Fahrerinnen und Fahrer müssen die Bestätigung eines Auftrags mit Arbeitshandschuhen und bei direkter Sonneneinstrahlung auf dem Display ausführen können, damit der Auftrag ohne Halt beginnt.
Jede so formulierte Anforderung erhält ein Prüfkriterium, das die Bedingung wiederholt: Prüfung im Feld bei Tageslicht mit Arbeitshandschuhen; die Aufgabe gilt als bestanden, wenn sie ohne Abbruch und ohne Absetzen der Handschuhe abgeschlossen wird. Damit wird die Bedingung Teil des Testplans für die nächste Evaluation. Die Ableitung von Anforderungen aus Beobachtungen im Detail beschreibt das Themengebiet zu Nutzungsanforderungen; die Messung unter Testbedingungen das Themengebiet zur Evaluation.
Grenzen
Eine Feldbeobachtung deckt die Bedingungen ab, die im Studienfenster vorkamen. Wer im Sommer beobachtet, sieht keine Winterhandschuhe. Deshalb gehört zur Planung die Frage, welche Bedingungen im Fenster erreichbar sind und welche in einem zweiten Fenster nachgeholt werden.
Ein Einwand aus der Entwicklung, den ich für berechtigt halte: Eine Anforderung mit Bedingung ist aufwendiger umzusetzen und zu prüfen als eine ohne. Der Aufwand entsteht in beiden Fällen; ohne Bedingung fällt er nach der Auslieferung an, als Rückmeldung aus dem Betrieb.
Zudem verlangt die Beobachtung im Betrieb Rücksicht auf die Arbeit: Beobachterinnen und Beobachter greifen nicht ein und halten Fragen für das Nachgespräch zurück. Was dadurch an Nachfragen im Moment ausbleibt, wird im Nachgespräch mit Verweis auf die Zeitmarke geklärt.
Was danach vorliegt
Am Ende liegen eine Liste der beobachteten Umgebungsbedingungen mit Fundstellen, die Protokolle mit Zeitmarken, die daraus formulierten Nutzungsanforderungen mit Prüfkriterien und die Testbedingungen für die nächste Evaluation vor. Das Team kann damit entscheiden, welche Anforderungen in die Spezifikation gehen und welche Bedingungen der nächste Test abdeckt.
