Wo Fehlbedienung teuer oder gefährlich ist, zeigen Blickdaten Engpässe in Aufmerksamkeit und Orientierung, die ein moderierter Test allein unvollständig abbildet. Der Beitrag beschreibt drei Befundtypen, die aus Blickdaten entstehen, ordnet sie den Messgrößen der ISO 9241-11 zu und grenzt ab, wofür Blickdaten keine Aussage liefern.
Ausgangslage: der moderierte Test im Leitstand
Ein Leitstand-Arbeitsplatz besteht aus mehreren Bildschirmen: Meldungsliste, Netzschema, Detailansichten, Telefonie, oft dazu eine Großbildwand. Ein moderierter Usability-Test zeigt an diesem Arbeitsplatz, was die Person tut und was sie sagt. Er zeigt nicht, wohin sie geschaut hat, bevor sie gehandelt hat. Ob sie eine Meldung gesehen und verworfen hat oder ob sie sie nicht gesehen hat, sieht der Moderator im Ergebnis nicht. Ob sie zwischen Schema und Liste mehrfach hin- und hergesprungen ist, bevor sie den richtigen Eintrag fand, bleibt eine Vermutung.
Lautes Denken, das im Test sonst diese Lücke schließt, stört im Leitstand den Arbeitsablauf und wird von erfahrenen Operatoren häufig ausgesetzt, sobald die Situation Konzentration verlangt. In unserem Eyetracking-Service im Kontrollraum beobachten wir, dass die Aussagen der Teilnehmenden und ihre Blickverläufe sich nicht immer decken. Die Blickdaten liefern deshalb Befunde, die im moderierten Test ohne sie nicht entstehen.
Befundtyp 1: Suchbewegungen zwischen Anzeigen
Der Blick wandert wiederholt zwischen zwei oder mehr Bereichen, bevor eine Handlung folgt. Typisch ist die Suche nach der Zuordnung: Die Meldung steht in der Liste, der Ort im Schema, das Detail in einem dritten Fenster, und die Person muss die drei Darstellungen im Kopf verbinden. In den Blickdaten zeigt sich das als Folge von Wechseln zwischen definierten Bereichen und als lange Zeit bis zur ersten Fixation auf dem Element, das die Aufgabe löst.
Dieser Befundtyp zeigt fehlende Zuordnung von Information zu Ort. Er gehört zur Effizienz nach ISO 9241-11, weil er Aufwand erzeugt, und zu den Grundsätzen der Dialoggestaltung nach ISO 9241-110, weil die Darstellung die Erwartung an den Zusammenhang nicht erfüllt.
Befundtyp 2: verpasste Alarme
Ein Alarm erscheint, und innerhalb der Aufgabe folgt keine Fixation im Alarmbereich. Oder es gibt eine Fixation, aber keine Handlung: Die Person hat den Alarm gesehen und nicht als relevant erkannt. Die Unterscheidung zwischen „nicht gesehen" und „gesehen, nicht erkannt" ist nur mit Blickdaten möglich. Der moderierte Test sieht in beiden Fällen dasselbe Ergebnis: Der Alarm wurde nicht bearbeitet.
Die Unterscheidung ist für die Maßnahme entscheidend. „Nicht gesehen" weist auf Position, Kontrast oder Konkurrenz durch andere Anzeigen hin. „Gesehen, nicht erkannt" weist auf Darstellung, Priorisierung oder Wortlaut des Alarms hin. Dieser Befundtyp gehört zur Effektivität, weil das Ziel verfehlt wurde. Im sicherheitskritischen Kontext erhält er die höchste Stufe, unabhängig von der Häufigkeit.
Befundtyp 3: Fixationen auf Flächen ohne Information
Die Person fixiert wiederholt Bereiche, die keine Information für die Aufgabe enthalten: leere Panels, ausgegraute Elemente, Legenden, Zierflächen, Bereiche, in denen im alten Leitsystem eine Anzeige war. Die Blickdaten zeigen die Erwartung, dass dort etwas stehen müsste.
Dieser Befundtyp gehört zur Effizienz und zur Selbstbeschreibungsfähigkeit nach ISO 9241-110. Er tritt in unserer Beobachtung häufig nach der Ablösung eines Leitsystems auf, wenn die Anordnung der Anzeigen sich geändert hat und die Nutzenden ihre Blickroutinen aus dem alten System mitbringen.
Zuordnung zu den Messgrößen
Verpasste Alarme gehören zur Effektivität. Suchbewegungen und Fixationen auf leere Flächen gehören zur Effizienz. Für die Zufriedenstellung liefern Blickdaten keinen Wert; sie wird weiterhin erfragt. In der Auswertung erhält jeder Blickbefund eine stabile ID und einen Schweregrad nach denselben Kriterien wie die Befunde aus der Beobachtung: Auswirkung auf die Zielerreichung, Häufigkeit über die Sitzungen, Aufwand für die Umgehung. Blickbefunde und Beobachtungsbefunde stehen im selben Katalog.
Grenzen: wofür Blickdaten keine Aussage liefern
Blickdaten zeigen, wohin jemand geschaut hat. Sie zeigen nicht, warum. Der Grund kommt aus der Nachbesprechung, in der die Person ihre eigene Blickaufzeichnung sieht und kommentiert.
Eine Fixation bedeutet nicht Verstehen. Dass eine Person einen Alarm fixiert hat, sagt nicht, dass sie ihn gelesen und eingeordnet hat. Das zeigt erst die Handlung oder die Nachbesprechung.
Für die Zufriedenstellung liefern Blickdaten keine Aussage.
Vergleichswerte zwischen Tests mit und ohne Eyetracking haben wir nicht erhoben. Die Aussage, dass Blickdaten den moderierten Test ergänzen, beruht auf der Beobachtung in unserem Kontrollraum-Service.
Technisch begrenzen Mehrbildschirm-Arbeitsplätze, Großbildwände, Brillen und die Kalibrierung, welche Bereiche mit welcher Genauigkeit erfasst werden. Diese Grenzen stehen im Kontextblatt der Erhebung. Blick- und Videoaufzeichnungen lassen sich Personen zuordnen; wie sie erhoben, gespeichert und gelöscht werden, wird vor der ersten Sitzung mit Datenschutz und Betriebsrat des Hauses geklärt.
Was danach vorliegt
Ein Befundkatalog, in dem Blickbefunde und Beobachtungsbefunde mit stabilen IDs und Schweregraden nebeneinanderstehen, je Aufgabe eine Visualisierung der Blickverläufe als Anhang, die Zuordnung jedes Befunds zu Effektivität oder Effizienz und die Nachbesprechungen als Quelle für die Gründe. Wie ein solcher Test als Pilot aufgesetzt wird, beschreibt der Beitrag `eyetracking-pilot-fuer-einen-leitstand`.
