Aufgabenstellungen mit visuellen Hinweisen wie „oben rechts" oder „der blaue Button" machen Sitzungen mit Sprachausgabe unbrauchbar. Eine Person, die mit Screenreader arbeitet, hat kein „oben rechts", und eine Person mit starker Vergrößerung sieht den blauen Button erst, wenn sie ihn gefunden hat. Dieser Beitrag zeigt, wie Aufgaben am Ziel der Nutzung formuliert werden und wie Ergebnisse zwischen Teilnehmenden mit und ohne assistive Technologie vergleichbar bleiben.
Ausgangslage
In vielen Testplänen stehen Aufgaben, die den Lösungsweg mitliefern: „Klicken Sie oben rechts auf Ihr Profil und wählen Sie Bankverbindung ändern." Für Teilnehmende ohne assistive Technologie ist das ein Hinweis, der die Aufgabe leichter macht, als sie im Alltag wäre. Für Teilnehmende mit Screenreader ist es eine Anweisung, die sich nicht befolgen lässt: Die Sprachausgabe liest eine lineare Struktur, und „oben rechts" hat darin keinen Ort. Die Moderation muss übersetzen, die Person fragt nach, und die Sitzung misst ab diesem Moment das Gespräch mit der Moderation statt das Angebot.
Der Fehler betrifft beide Gruppen. Eine Aufgabe, die den Weg vorgibt, prüft, ob die Person Anweisungen befolgen kann. Sie prüft nicht, ob das Angebot den Weg selbst erkennbar macht. Effektivität nach ISO 9241-11 fragt, ob das Ziel erreicht wird; das Ziel ist die geänderte Bankverbindung, nicht der Klick oben rechts.
Die Aufgabe am Ziel der Nutzung formulieren
Der erste Schritt ist, jede Aufgabe aus der Nutzungssituation abzuleiten und am Ergebnis festzumachen. Die Nutzungssituation stammt aus dem Nutzungskontext nach ISO 9241-210: eine Nutzergruppe, eine Aufgabe, ein Ziel. Die Aufgabenstellung nennt die Situation und das Ziel, und sie schweigt über den Weg.
Aus „Klicken Sie oben rechts auf Ihr Profil und wählen Sie Bankverbindung ändern" wird: „Sie haben ein neues Konto eröffnet. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Beiträge ab dem nächsten Monat von diesem Konto abgebucht werden." Die Aufgabe hat ein prüfbares Ergebnis: Die neue Bankverbindung ist gespeichert. Sie hat einen Kontext, der die Person in die Situation versetzt. Und sie lässt offen, ob der Weg über das Profil, über das Menü oder über die Suche führt.
Elemente ohne Verweis auf Farbe, Form und Position benennen
Der zweite Schritt betrifft die Fälle, in denen die Aufgabe ein Element benennen muss, etwa weil der Test einen bestimmten Bereich prüfen soll. Dann benennen wir das Element mit seiner Funktion oder seiner Beschriftung, so wie die Sprachausgabe es ansagen würde: „die Schaltfläche Weiter", „das Feld IBAN", „der Bereich Dokumente". Farbe, Form, Größe und Position kommen in der Aufgabe nicht vor.
Das hat einen Nebeneffekt für das Angebot: Wenn sich ein Element nicht ohne Farbe oder Position benennen lässt, weil es keine Beschriftung hat, ist das bereits ein Befund. Wir notieren ihn vor dem Test als Befund der Expert Evaluation und formulieren die Aufgabe über die Funktion.
Aufgaben für beide Gruppen identisch halten
Der dritte Schritt ist, dieselbe Aufgabenstellung für Teilnehmende mit und ohne assistive Technologie zu verwenden. Getrennte Aufgabenkataloge je Gruppe sind verbreitet und zerstören die Vergleichbarkeit: Wenn die Screenreader-Gruppe eine Aufgabe mit anderem Wortlaut bekommt, lässt sich ein Unterschied im Ergebnis nicht mehr dem Angebot zuordnen.
Eine Aufgabe, die am Ziel formuliert ist und Elemente über ihre Funktion benennt, funktioniert für beide Gruppen ohne Anpassung. Wo sie für die eine Gruppe nicht funktioniert, ist meist die Aufgabe das Problem, nicht die Gruppe, und wir überarbeiten sie für alle.
Die Teilnehmenden lesen die Aufgabe selbst
Der vierte Schritt betrifft die Übergabe. Wir geben die Aufgaben schriftlich in einem Format, das die Person mit ihrer Technologie selbst lesen kann, und lassen sie die Aufgabe in ihrem Tempo aufnehmen. Die Moderation liest die Aufgabe zusätzlich vor, wenn die Person das wünscht, und wartet dann, bis die Sprachausgabe fertig ist, bevor sie fortfährt.
Der Grund liegt in der Wahrnehmung: Eine Person, die mit Screenreader arbeitet, hört die Sprachausgabe und die Moderation über denselben Kanal. Wer die Aufgabe vorliest, während die Person die Seite erkundet, überlagert die Ansage, und die Person verliert die Orientierung.
Ergebnisse vergleichbar auswerten
Der fünfte Schritt ist die Auswertung. Je Aufgabe und je Teilnehmerin und Teilnehmer dokumentieren wir, ob das Ziel erreicht wurde (Effektivität), mit welchem Aufwand an Schritten, Umwegen und Zeit (Effizienz) und wie die Person die Aufgabe beurteilt hat (Zufriedenstellung). Diese drei Größen nach ISO 9241-11 sind für beide Gruppen dieselben, und weil die Aufgabe dieselbe war, lassen sich die Werte nebeneinanderlegen.
Der Vergleich zeigt zwei Arten von Befunden. Befunde, die nur in der Gruppe mit assistiver Technologie auftreten, sind Befunde zur Zugänglichkeit: fehlende Beschriftung, verlorener Fokus, unstimmige Ansage. Befunde, die in beiden Gruppen auftreten, sind Befunde zur Gebrauchstauglichkeit des Angebots insgesamt. Beide gehören in den Bericht, mit dieser Unterscheidung.
Grenzen
Aufgaben ohne Lösungsweg sind für manche Prüffragen ungeeignet. Wenn das Team wissen will, ob ein bestimmter Dialog mit Sprachausgabe bedienbar ist, muss die Aufgabe dorthin führen. Dann formulieren wir eine Situation, deren Ziel nur über diesen Dialog erreichbar ist, und prüfen vorab, dass es so ist.
Und die Formulierung ersetzt nicht die Passung der Teilnehmenden zur Domäne. Eine Aufgabe am Ziel der Nutzung setzt voraus, dass die Person die Situation kennt. Wer die Situation nicht kennt, scheitert an der Aufgabe, und der Bericht darf daraus keinen Befund zur Zugänglichkeit machen.
Was danach vorliegt
Nach dem Vorgehen liegt ein Aufgabenkatalog vor, der für alle Teilnehmenden gilt, je Aufgabe mit Situation, Ziel und prüfbarem Ergebnis, ohne Verweis auf Farbe, Form und Position. Dazu die Auswertung je Aufgabe mit Effektivität, Effizienz und Zufriedenstellung für beide Gruppen und die Trennung der Befunde in Zugänglichkeit und Gebrauchstauglichkeit.
