Reifegrad zeigt Fortschritt nur bei wiederholter Messung mit unverändertem Bewertungsraster. Ein zwischenzeitlich angepasstes Raster macht die zweite Messung mit der ersten unvergleichbar. Dieser Beitrag beschreibt, wie Anpassungswünsche dokumentiert und erst nach der Vergleichsmessung eingearbeitet werden.
Voraussetzungen
Eine Erstmessung mit dokumentiertem Raster: Dimensionen, Kriterien je Dimension, Beschreibung der Stufen und Regeln für die Bewertung.
Die Artefaktliste und der Interviewleitfaden der Erstmessung, mit Version und Datum.
Ein vereinbarter Termin für die Wiederholungsmessung.
Eine Person, die das Raster verwaltet und Änderungswünsche entgegennimmt.
Schritt 1: Das Raster einfrieren
Was: Nach der Erstmessung erhält das Raster eine Versionsnummer und ein Datum. Es wird an einem Ort abgelegt, den alle Beteiligten kennen, und bis zur Wiederholungsmessung nicht verändert.
Warum: Zwischen den Messungen entstehen Erkenntnisse über das Raster selbst. Ein Kriterium erweist sich als unscharf, eine Stufenbeschreibung passt nicht zur Organisation. Jede dieser Erkenntnisse ist wertvoll, und jede Änderung vor der Vergleichsmessung zerstört den Vergleich.
Ergebnis: Ein eingefrorenes Raster mit Version, Datum und Ablageort.
Schritt 2: Änderungswünsche sammeln, nicht einarbeiten
Was: Alle Anpassungswünsche kommen in ein Änderungslog mit Datum, Wunsch, Begründung und Quelle. Das Log wird gepflegt, das Raster bleibt unverändert.
Warum: Die Wünsche gehen sonst verloren oder werden im Vorbeigehen eingearbeitet. Das Log hält sie fest und macht später sichtbar, welche Änderungen sich häufen.
Ergebnis: Ein Änderungslog, das bis zur Wiederholungsmessung wächst.
Schritt 3: Die zweite Messung mit gleichen Bedingungen durchführen
Was: Die Wiederholungsmessung nutzt dasselbe Raster, dieselbe Artefaktliste in ihrer aktuellen Fassung und Interviews mit denselben Rollen. Wechselt eine Person in einer Rolle, wird das vermerkt. Bewerten andere Personen als beim ersten Mal, kalibrieren sie sich vorher an den Bewertungen der Erstmessung.
Warum: Der Vergleich gilt nur, wenn sich zwischen den Messungen die Organisation verändert hat und nicht das Messinstrument. Jede Abweichung in Raster, Quellen oder Bewertenden ist eine mögliche Ursache für einen Unterschied, der nichts mit der Organisation zu tun hat.
Ergebnis: Ein zweites Reifebild, das mit dem ersten je Dimension und je Kriterium vergleichbar ist, mit Vermerk über alle Abweichungen in den Bedingungen.
Schritt 4: Den Vergleich je Kriterium führen
Was: Der Vergleich erfolgt auf der Ebene der Kriterien, nicht nur der Dimensionen. Je Kriterium steht der Wert der ersten und der zweiten Messung nebeneinander, dazu die Maßnahme aus dem Fahrplan, die auf dieses Kriterium zielte.
Warum: Ein Dimensionswert kann gleich bleiben, während sich darunter zwei Kriterien in entgegengesetzte Richtung bewegen. Erst die Kriterienebene zeigt, welche Maßnahme gewirkt hat.
Ergebnis: Eine Vergleichstabelle je Kriterium mit Bezug zum Fahrplan.
Schritt 5: Erst jetzt das Raster überarbeiten
Was: Nach dem Vergleich wird das Änderungslog abgearbeitet. Das Raster erhält eine neue Version. Die zweite Messung wird, soweit möglich, nach der neuen Version nachbewertet und bildet die Baseline für die dritte Messung.
Warum: Die Überarbeitung nach dem Vergleich erhält den Vergleich und macht das Raster für die Zukunft besser. Die Nachbewertung sorgt dafür, dass die dritte Messung wieder einen Vorwert mit demselben Raster hat.
Ergebnis: Raster in neuer Version, Änderungslog geschlossen, neue Baseline dokumentiert.
Typische Fehler
Ein Kriterium wird zwischen den Messungen „nur kurz geschärft". Danach ist unklar, ob ein Unterschied aus der Organisation oder aus der Schärfung stammt.
Die Interviews finden mit anderen Rollen statt, ohne dass das vermerkt wird.
Die Bewertenden wechseln ohne Kalibrierung. Strenge und Milde verschieben sich, und der Verlauf zeigt den Wechsel der Personen.
Zwischenbefunde aus dem Fahrplan werden als Messung gezählt. Ein erreichter Meilenstein ist ein Fortschritt im Fahrplan, aber kein Reifegradwert.
Ergebnis
Am Ende liegen zwei Reifebilder mit demselben Raster vor, ein Vergleich je Kriterium mit Bezug zu den Maßnahmen und ein überarbeitetes Raster für die nächste Runde. Der Fortschritt lässt sich einer Steuerungsrunde als Verlauf zeigen, und jede Rückfrage nach den Bedingungen der Messung ist aus der Dokumentation zu beantworten.
