Ein Entscheidungspunkt im Produktentwicklungsprozess wirkt, wenn dort ein benanntes Artefakt vorliegen muss. ISO 9241-210 beschreibt vier Aktivitäten, deren Ergebnisse sich den Gates zuordnen lassen: Nutzungskontextbeschreibung, Nutzungsanforderungen, Gestaltungslösung, Evaluationsergebnis. Der Beitrag beschreibt, wie Produktverantwortliche diese Zuordnung für ihren Prozess vornehmen.
Voraussetzungen
Eine Prozessbeschreibung mit den bestehenden Entscheidungspunkten: Projektfreigabe, Konzeptabnahme, Implementierungsentscheidung, Release oder die Entsprechungen im eigenen Haus. Eine Rolle, die die Prozessbeschreibung ändern darf. Ein laufendes Vorhaben, an dem die Zuordnung erprobt wird. Hilfreich ist außerdem ein Assessment-Ergebnis für die Dimension Prozesse, weil es zeigt, an welchen Punkten heute schon Artefakte vorliegen und an welchen sie regelmäßig fehlen.
Schritte
Bestehende Entscheidungspunkte auflisten. Welche Gates oder Reviews gibt es, wer nimmt dort ab, was liegt heute vor. Warum: Die Artefakte werden an bestehende Punkte gehängt; ein neues Gremium für Nutzungsevidenz konkurriert mit den bestehenden und verliert. Ergebnis: eine Liste der Entscheidungspunkte mit Abnehmer und heutigen Unterlagen.
Die vier Artefakte den Punkten zuordnen. Die Nutzungskontextbeschreibung gehört vor die Entscheidung, ein Vorhaben zu starten oder zu priorisieren: Wer nutzt das Produkt, mit welchen Aufgaben, unter welchen Bedingungen. Die Nutzungsanforderungen gehören vor die Konzeptarbeit: Was müssen Nutzende mit dem Produkt erreichen können, abgeleitet aus dem Kontext. Die Gestaltungslösung, als Prototyp oder Konzept, gehört vor die Implementierungsentscheidung. Das Evaluationsergebnis gehört vor das Release: Wurde die Lösung mit Nutzenden geprüft, und erfüllt sie die Anforderungen. Warum: Jedes Artefakt beantwortet eine Frage, die an dem jeweiligen Punkt ohnehin gestellt wird. Ergebnis: eine Zuordnungstabelle von Entscheidungspunkt zu Artefakt.
Je Artefakt die Mindestanforderung festlegen. Was muss enthalten sein, damit es am Entscheidungspunkt als vorliegend gilt. Für die Nutzungskontextbeschreibung etwa: Nutzendengruppen, Aufgaben, Umgebung und die Quelle der Beobachtung. Für das Evaluationsergebnis: Aufgaben, Teilnehmendengruppe, Befunde mit Schweregrad, Erhebungsdatum. Warum: Ohne Mindestanforderung wird ein Absatz im Konzept als Kontextbeschreibung akzeptiert. Ergebnis: eine Prüfliste je Artefakt für den Abnehmer.
Verantwortung und Abnahme benennen. Wer erstellt das Artefakt, wer prüft es gegen die Mindestanforderung, wer entscheidet bei Fehlen. Warum: Ein Artefakt ohne Ersteller entsteht nicht; ein Artefakt ohne Prüfer wird nicht gelesen. Ergebnis: je Artefakt eine erstellende und eine abnehmende Rolle.
Die Folge bei Fehlen festlegen. Was passiert, wenn das Artefakt am Entscheidungspunkt nicht vorliegt: Verschiebung, Freigabe mit dokumentierter Ausnahme durch eine benannte Rolle oder Freigabe mit Auflage. Warum: Ein Entscheidungspunkt ohne Folge ist eine Empfehlung. Ergebnis: eine Regel je Entscheidungspunkt, die im Prozesshandbuch steht.
An einem Vorhaben erproben, dann in die Prozessbeschreibung übernehmen. Die Zuordnung wird an einem laufenden Vorhaben angewendet, die Mindestanforderungen werden nachgeschärft, dann wird die Prozessbeschreibung geändert. Warum: Eine Regel, die einmal angewendet wurde, ist leichter zu erklären als eine, die nur beschrieben ist. Ergebnis: eine geänderte Prozessbeschreibung mit Artefakten an den Gates.
Typische Fehler
Alle vier Artefakte an einem Gate verlangen. Sie entstehen in verschiedenen Phasen und gehören an verschiedene Punkte.
Das Artefakt als Dokumentformat vorgeben. Die Mindestanforderung beschreibt den Inhalt; das Format bleibt dem Team überlassen.
Bei agilem Vorgehen auf die Zuordnung verzichten, weil es keine Phasen gibt. Refinements, Sprint-Planungen, Sprint-Reviews und Release-Entscheidungen sind Entscheidungspunkte; der Beitrag zu agilen und klassischen Prozessen beschreibt die Übertragung.
Die Ausnahme nicht regeln. Dann wird sie stillschweigend zur Regel, und das Gate ist wieder eine Empfehlung.
Die Mindestanforderung so hoch setzen, dass sie im ersten Vorhaben niemand erfüllt. Sie beschreibt den Inhalt, der für die Entscheidung gebraucht wird, und wächst mit der Methodenkompetenz.
Ergebnis
Eine Prozessbeschreibung, in der an jedem Entscheidungspunkt steht, welches Artefakt vorliegen muss, wer es erstellt, wer es prüft und was bei Fehlen geschieht. Reviews haben damit eine prüfbare Grundlage, und die Dimension Prozesse des Reifegradmodells lässt sich am Anteil der Vorhaben messen, die den Punkt mit Artefakt passiert haben.
